| Handelsblatt: Elektrische Überlebenskünstler |
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Die robusten Computer von Dietmar Schulz stehen in Wüsten und feuchten Höhlen. Und helfen, vor Tsunamis zu warnen. Das soll ein Computer sein? Was Dietmar Schulz da aus seinem Koffer zaubert, würden die meisten PC-Anwender wohl bestenfalls für ein Netzteil halten. Doch der kleine Aluminiumwürfel, kaum höher als 15 Zentimeter, enthält „alles, was ein Rechner braucht“, versichert der Chef der Herstellerfirma alpha 2000: An Bord sind ein Prozessor, eine bis zu 100 Gigabyte große Festplatte, Windows oder Linux als Betriebssystem – und bei Bedarf 1000 Megabyte Arbeitsspeicher sowie Schnittstellen nach Belieben. Eines allerdings sucht man an dem Kästchen vergeblich: einen Lüfter. Denn da, wo diese Rechenwürfel zum Einsatz kommen – in feuchten Regenwäldern, staubigen Bergwerksstollen oder in Werkhallen mit fettgeschwängerter Luft – würde ein Ventilator ihnen vor allem eines einhauchen: den sicheren Computertod. Schulz’ Minirechner wurde für ebensolche Extremstandorte konzipiert. „Der Anstoß dafür kam vom Geoforschungszentrum in Potsdam“, verrät der 42-Jährige. Die Erdbebenforscher dieses Helmholtz-Instituts hatten Ende der 90er Jahre ein Konzept für seismologische Messstationen entwickelt, das auf einer offenen Plattform beruht. Was sich kompliziert anhört, ist die Lösung für ein großes Problem: Bis dahin teilten sich wenige Spezialfirmen diesen Markt auf. Ihre Soft- und Hardware ließ sich aber kaum vernetzen – dadurch hatte das Warnsystem gefährliche Lücken. Das Geoforschungszentrum (GFZ) plante, mit einer eigenen Lösung aufzuwarten: Der Seiscomp („Seismological Communication Processor“) ist linuxbasiert und mit Standardsoftware problemlos kompatibel. „So will man das weltweite seismologische Netz engmaschiger knüpfen und beschleunigen“, sagt Schulz. Dafür suchten die Wissenschaftler jemanden, der ihnen den notwendigen Computer in Kleinserien fertigen konnte. Bei Dietmar Schulz und seinem Team waren die Forscher an der richtigen Adresse. „Wir haben schon immer Computer nach Wunsch gebaut“, sagt der Informatik-Ingenieur. Seine sofortige Begeisterung für das Projekt rührt auch daher, dass die alpha 2000 in jenen Tagen weg wollte vom Ursprungsgeschäft – dem simplen Verkauf von PCs für den Hausgebrauch. Anfang 1991, kurz nach der Wende, hatte der damals frisch gebackene Vater die Chance ergriffen, sich selbstständig zu machen. Bis dahin hatte Schulz als Schichtleiter in einem Rechenzentrum des DDR-Chemiehandels gearbeitet. In seinem ersten Computerladen in der Innenstadt von Halle verkaufte er PCs, Telefone, Faxgeräte und Kopierpapier. Als große Ketten wie Vobis als Konkurrenten auftauchten, gelang es Schulz, sein Unternehmen weiterzuentwickeln. Mit maßgeschneiderten Computer- und Netzwerklösungen gewann er immer mehr Unternehmen, Behörden und Forschungseinrichtungen als langfristige Auftraggeber. „Das sicherte das Überleben, als der Boom Mitte der 90er-Jahre plötzlich vorbei war.“ Gemeinsam mit seinem Kollegen Matthias Brühl, der eine alpha 2000-Filiale in Leipzig betrieb, kaufte sich der Hallenser 1996 mitsamt den Namensrechten aus dem Firmenverbund heraus. Die neue alpha 2000 stieß die Läden ab und positionierte sich als IT-Problemlöser für mittelständische Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen. Nun schraubt ein kleines Team Rechner zusammen, die man im Elektronikmarkt nie zu sehen bekommt. Die Wünsche der Potsdamer Seismologen waren für die Computerspezialisten dennoch eine besondere Herausforderung: Was sie brauchten, war nicht weniger als ein elektronischer Überlebenskünstler, genügsam und nahezu unverwüstlich. „Die Rechner sollten staub- und spritzwassergeschützt sein“, sagt Winfried Hanka, Projektleiter beim GFZ. „Sie müssen ohne Anbindung an ein Stromnetz über Wochen und Monate hinweg autark arbeiten können.“ Schließlich werden seismologische Messstationen bevorzugt in einsamen Gegenden installiert, damit sie ungestört von zivilisatorischen Einflüssen wie Erschütterungen durch Fahrzeuge oder Bauarbeiten ihren Dienst tun. „Da sind die nächsten Steckdosen oder Kundendienstmonteure oft Tagesreisen entfernt“, sagt Hanka. Aus einem Entwurf, den die GFZ-Techniker mitbrachten, entwickelte alpha 2000 in monatelanger Garagenarbeit den serienreifen Seiscomp-PC. „Sein Gehäuse ist hermetisch verschlossen“, schwärmt Entwicklungsleiter Detlef Möller, „mit einer Leistungsaufnahme von zehn Watt braucht er weniger Energie als eine schwache Glühlampe.“ Dank eines flexiblen Spannungsmanagements könne er mit jeder Autobatterie, mit Solarmodulen oder kleinen Windrädern betrieben werden. Ein angeschlossener Erschütterungsmesser registriert auch kleinste Beben. Für das stetige Analysieren, Speichern und Weiterleiten der Geodaten reicht den robusten Zwergen eine geringe Rechenleistung. Mehr als 300 Seiscomp-Rechner hat alpha 2000 in den letzten sechs Jahren für mehr als 100 Institute in aller Welt produziert. Die 1800 Euro teuren Geräte verrichten ihren Dienst im ewigen Eis Grönlands, im nicaraguanischen Dschungel oder in der jemenitischen Wüste. Rund 40 Seiscomp-Rechner werden für ein Tsunami-Frühwarnsystem gerade rund um den Indischen Ozean installiert (siehe Grafik). Auch andere Einsatzgebiete, in denen es rustikal zugeht, kommen für die Elektrowürfel infrage: sei es als Steuer-PC in staubigen Werkhallen oder landwirtschaftlichen Betrieben. In Wetterstationen haben die Computer ebenso ihre Daseinsberechtigung wie in Kontroll- und Überwachungssystemen, die der Witterung ausgesetzt sind. „Überall, wo gewöhnliche Computer wegen zu viel Staub oder Feuchtigkeit ihren Dienst versagen, fühlen sich unsere Rechner wohl“, sagt Schulz. Mit Blick auf das wachsende Interesse aus dem industriellen Umfeld schufen Schulz und Brühl mit „Priocomp“ eine Zweitmarke, unter der sie die Rechner für feuchte Schächte, Forschungslabore und Bergwerke maßfertigen. Text: Frank Pollack
So hilft der Seiscomp-Rechner im Tsunami-Frühwarnsystem Robuste Seiscomp-Rechner aus Halle an der Saale sind ein Baustein im komplexen Tsumani-Warnsystem in Indonesien. Die Computer gehören zur Ausstattung seismischer Mess-Stationen, mit denen die Forscher an verschiedenen Punkten des Landes Erschütterungen der Erdkruste registrieren. Die stromsparenden Rechner sorgen unter anderem für eine erste Aufbereitung der Daten und eine geregelte Übertragung an das Warnzentrum in Jakarta. Dort laufen alle Messdaten zusammen, die auch von Bojen auf hoher See und Drucksensoren am Meeresgrund geliefert werden. Ein zentrales Modul der Seiscomp-Software ermöglicht es den in Jakarta tätigen Beben-Spezialisten im Wechselspiel von automatischen Berechnungen und manuellen Eingaben, die Gefahr mit unerreichter Schnelligkeit zu bestimmen. „Die Fünf-Minuten-Grenze ist ein entscheidendes Kriterium unseres Auftrages“, erklärt Winfried Hanka vom Geoforschungszentrum in Potsdam, welches das gerade im Aufbau befindliche Tsunami-Frühwarnsystem entwickelte. „Nur wenn die Warnung in dieser Frist erfolgt, können bei einem Tsunami die nötigen Informationsketten in Gang gesetzt und Menschen rechtzeitig evakuiert werden.“ Die Feuertaufe bestand das System am 8. August: Nach nur 4:38 Minuten hatte das Warnzentrum ein schweres Erdbeben korrekt lokalisiert und seine Stärke bestimmt. Quelle: Geoforschungszentrum Potsdam |