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Süddeutsche Zeitung: Computer für Wüste und Regenwald

Als im August 2007 in Indonesien die Erde bebte, brauchten die Spezialisten im seismologischen Warnzentrum von Jakarta gerade mal viereinhalb Minuten, um das Epizentrum zu lokalisieren. Die Daten dazu stammten von dem neuen Frühwarnsystem, das seit dem Tsunami Weihnachten 2004  rund um den indischen Ozean installiert wird. „Dass das jetzt so schnell und genau geht, ist vor allem unsren Computern zu verdanken, die Teil der seismischen Mess- Stationen sind“, so Dietmar Schulz. „Unsere robusten und stromsparenden Rechner bereiten Daten zur Erschütterung der Erdkruste auf und helfen mit, sie an das Warnzentrum zu übertragen.“

Schulz, 43, ist einer der beiden Inhaber des Systemhauses alpha 2000. Aus der gläsernen Vitrine des Besprechungszimmers holt er einen unscheinbaren Würfel, dessen einziger Schmuck ein paar Lämpchen und Anschlüsse sind. „Von außen macht unser Seiscomp nicht viel her“ sagt Matthias Brühl, 37, der Technik- Spezialist im Führungsduo. „Aber der Kasten ist superdicht. Und darauf kommt es zunächst einmal an.“ Prozessor, Festplatte und Arbeitsspeicher im Inneren seien vor Fett, Staub, Sand oder Wasser geschützt und machten den Rechenwürfel unverwüstlich, versichert er. „Küsten, Regenwälder, Wüsten, Werkhallen oder Bergwerksstollen – genau für solche Standorte haben wir, in Zusammenarbeit mit dem Potsdamer Geoforschungszentrum den Mini- Computer entwickelt.“ Wichtig sei dabei auch gewesen, eine autarke Energiequelle zu finden. Schließlich müsse der Seiscomp über Wochen oder gar Monate hinweg ohne Anbindung an das Stromnetz funktionieren. „Unser Computer kann wahlweise mit einer Autobatterie, einem Solarmodul oder einem kleinen Windrad betrieben werden“, sagt Brühl. Mit zehn Watt brauche der Seiscomp weniger Energie als eine schwache Glühlampe. 

Fast 600 dieser Minicomputer hat das in Halle und Leipzig beheimatete Unternehmen in den vergangenen sechs Jahren verkauft. „Wir sind in dieser Nische weltweit fast konkurrenzlos“, beteuert Schulz. „Dieses Jahr werden wir wieder mindestens 250 Mini- Computer bauen und uns dabei mehr und mehr auch auf den Industriebereich konzentrieren. Gerade dort nimmt der Bedarf jedes Jahr zu.“ Auf den Seiscomp allein wollen sich die beiden Chefs freilich nicht verlassen. „Wir sind ein Systemhaus, das im Kerngeschäft Firmen und öffentlichen Einrichtungen komplette IT- Lösungen anbietet und damit mindestens genauso erfolgreich ist“, sagt Schulz. „Für den Volkswagen- Konzern in Wolfsburg haben wir erst unlängst mehr als 2500 Produktionssysteme modernisiert.“

Angefangen haben Schulz und Brühl kurz nach der Wende als Händler für Computer und Zubehör. Schulz in Halle und Brühl in Leipzig gehörten zur Händlerkette alpha 2000, die der Schlagersänger Matthias Reim zusammen mit Geschäftsfreunden in den neunziger Jahren aufgebaut hatte. Der Konkurrenz westdeutscher Konzerne wie Vobis konnten Reim und seine Partner nicht lange standhalten. Sie mussten Insolvenz anmelden. Der Sänger, der auch noch andere Geschäfte in den Sand setzte, tingelt heute hochverschuldet durchs Land. 

Schulz und Brühl schafften rechtzeitig den Absprung. 1996 kauften sie sich mitsamt der Namensrechte an alpha 2000 aus dem Firmenverbund heraus  und machten gemeinsam weiter. Sie stießen ihre Läden ab und gründeten stattdessen Niederlassungen in Halle, Leipzig und Werder bei Potsdam. Die Firma spezialisierte sich auf IT- Problemlösungen, vorrangig für Mittelständler, wissenschaftliche Einrichtungen und Behörden. Außerdem schrauben die Mitarbeiter auf individuellen Kundenwunsch Spezialcomputer zusammen, die es in keinem Elektronikmarkt zu kaufen gibt.

Schulz und Brühl haben langjährige Erfahrung in Sachen Rechentechnik und Computerlösungen. Schon zu DDR- Zeiten haben sie sich intensiv damit beschäftigt. Schulz war zuletzt Schichtleiter im Rechenzentrum des Chemiehandels der DDR. Brühl wiederum, der in der Wendezeit sein Abitur machte und gleichzeitig eine Lehre als Landwirt abschloss, beschäftigte sich schon seit frühester Jugend mit Programmierung. „Mein Vater hatte mir damals einen Atari- Computer aus dem Westen mitgebracht“, erzählt Brühl. „Seitdem bin ich von der Computerei nicht mehr losgekommen.“

Ihr Unternehmen, an dem Brühl und Schulz zu je 50 Prozent beteiligt sind, führen die beiden Inhaber gemeinsam. Auf diese Gleichberechtigung legen sie Wert. „Im Unterschied zu vielen anderen Firmen funktioniert das bei uns nun schon seit 13 Jahren“, sagt Schulz, der neben dem Vertrieb für alles Kaufmännische zuständig ist. Technik- und Produktionschef Brühl ist sich sicher, dass das auch künftig so sein wird. „Wir wollen weiter gesund wachsen und haben mit alpha 2000 noch viel vor.“

Mit dem Priocomp bietet das Unternehmen jetzt eine Zweitausführung seines robusten Spezialcomputers an. „Es ist ein Rechner, der für feuchte Schächte, Forschungslabore und Bergwerke maßgefertigt wird“, so Brühl. „Zugleich haben wir ein System entwickelt, in dem die Spannungsquelle des Computers integriert ist. Das macht unsere Rechner noch universeller einsetzbar.“ Mit Spannung schauen die beiden Firmenchefs nun nach Wien. Die dort ansässige Internationale Atomenergie- Organisation testet gerade die Alpha- Rechner für ihr weltweites Überwachungssystem. „Kommen wir zum Zuge, ist das der endgültige Durchbruch für unser internationales Geschäft“, ist Schulz überzeugt. „Wir warten täglich auf Nachricht aus Wien.“

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Autor Steffen Uhlmann

 

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